Von selbst so

Eine Frage, über die ich immer wieder stolpere, die sozusagen immer im Raum steht, ist die, was denn im Kopf passiert – oder passieren sollte – wenn improvisiert wird. „Was denkst du wenn du spielst?“, fragte mich neulich noch ein Schüler. Und die Antwort ist gar nicht so einfach. Reflexartig möchte man sagen: am besten an nichts. Aber stimmt das?

Multitasking

Wenn eine Linie über einen Akkord oder eine Akkordfolge improvisiert wird, gibt es viele Dinge, die im Kopf herumwuseln können: die auserwählte Skala, vielleicht ein Arpeggio, die Notendichte, Rhythmus, Dynamik, Artikulation, die Notenauswahl, Fingersatz, rechte-Hand-Technik, Sound, etc

Wenn wir über all dieser Teilaspekte des Spiels bewusst entscheiden müssten, wäre das Ergebnis am Ende wahrscheinlich nicht schön anzuhören. Es erinnert mich an ein Interview, das ich vor einigen Jahren im Radio gehört habe. Interviewt wurde ein Autor, dessen Bücher häufig die Sprache an sich zum Inhalt haben. Ich habe eine Ankündigung gehört und hoffte auf ein unterhaltsames Gespräch mit vielen Pointen und Sprachwitz. Aber es kam anders! Jeder Satz wirkte gestellt und unnatürlich staksig artikuliert. Ich bilde mir ein herausgehört zu haben, dass der Interviewte, vermutlich aus Sorge vor einem Fehler, jede Einzelheit seiner Antworten durch sein Bewusstsein hat laufen lassen. Das mag zwar alles richtig gewesen sein, aber witzig oder auch interessant zuzuhören war das nicht!
Genau so verhält es sich natürlich auch mit dem improvisieren! Carl Gustav Jung hat im Vorwort eines Buches des Autors D.T.Suzuki geschrieben: „Kein Bewusstsein kann mehr als eine ganz kleine Anzahl simultaner Vorstellungen beherbergen“. Unser Unterbewusstsein ist da auf größere Datenmengen ausgelegt! Alles, was wir mit den Sinnesorganen aufnehmen – bewusst oder nicht – landet dort. Wir können nicht alles immer ins Bewusstsein (zurück-)rufen, aber als „Erfahrung“ hat alles Einfluss auf zukünftige Entscheidungen. Daher sind die sogenannten „Bauchentscheidungen“ oft diejenigen die am Ende eines Entscheidungsprozesses den Ausschlag in die eine oder andere Richtung geben. Der „Bauch“ – im Gegensatz zum „Kopf“ – kann auf diesen riesigen Pool an Informationen und Erfahrungen zurückgreifen.

Kopfsache

O.K.. Aber was geht denn nun im Kopf vor? Eine schöne Antwort habe ich mal in einem Interview gelesen – leider weiß ich nicht mehr, wer der Interviewte war. Er beschrieb den Prozess des Improvisierens mit einer kleinen Stimme im Kopf, quasi der Zuhörer in ihm, der ihm verrät, was als nächstes kommen soll.
Häufig liest oder hört man auch, der Kopf sollte gar nicht mitspielen, was ich für mich immer schwierig finde. Der Kopf ist nun mal da und mit dabei. Wenn ich mich anstrenge an nichts zu denken, ist es absolut hinderlich! Schließlich ist „Nicht Denken!“ auch ein Gedanke…
Der gängige Vergleich von Musik und Sprache kann hier vielleicht ein wenig Licht ins Dunkel bringen. Wir improvisieren ja auch wenn wir sprechen, und dabei ist der Kopf nicht mit den Namen der gewählten Zeiten oder der einzelnen Satzbausteine beschäftigt! Es geht in erster Linie um den Inhalt. Auch sprachliche Feinheiten wie Ironie oder Übertreibung entstehen im Sprachfluss; ich zumindest denke beim sprechen nicht: „Jetzt würze ich die nächste Aussage mal mit Ironie!“. All dies passiert quasi von selbst. Und so soll es beim improvisieren auf dem Instrument auch sein!
Ganz ohne unser Bewusstsein kommen wir beim sprechen aber nicht aus! Immerhin müssen wir beispielsweise im Dialog das große Ganze – quasi das Thema – im Auge behalten. Ansonsten würden Gespräche doch sofort unvermeidbar abdriften und, am Ende, zu nichts führen! Und da bin ich wieder bei der kleinen Analogie von vorhin: alles Gespielte wird quasi gehört und wir nehmen aktiv an der Entstehung der nächsten Phrase teil. Das kann vielleicht einfach eine Entwicklung eines kleinen Motives sein. Oder auch eine gedachte Anweisung wie: „Vollgas!“, vielleicht ein Skalen-Sound oder ein Rhythmus. Interessant finde ich hierbei, dass das alles „im Moment“ passieren muss, mit permanenter Geistesgegenwart und ohne Urteil über das, was passiert.
Es strömt sozusagen durch unser Bewusstsein hindurch; häufig liest man in diesem Zusammenhang von dem Gefühl mehr Zuhörer als Aktiver zu sein.
Inzwischen gibt es einige gute Bücher, die sich mit diesem Zustand, nennen wir ihn der Einfachheit halber „Modus“, beschäftigen; Kenny Werners „Effortless Mastery“ oder „The Inner Game of Music“ von Berry Greene und W. Timothy Gallway, um nur zwei Beispiele zu nennen.
Das Problem ist, dass, sobald wir uns bemühen in den Modus zu kommen, der Faden reißt und der Flow abebbt. Es langt ein Gedanke wie: “ Ist das jetzt gut genug?“, oder „Yes! Es klappt“, also das Urteilen über das was gerade passiert. Des Rätsels Lösung klingt ganz einfach: Wir müssen uns nur auf unsere passive Aufgabe einlassen und „es“ einfach geschehen lassen. In der chinesischen Gedankenwelt gibt hierfür einen Begriff, auf den ein großer Teil des philosophischen Daoismus fußt: WuWei.

WuWei

WuWei bedeutet übersetzt so viel wie „Nicht Handeln“, wobei hiermit nicht „einfach mal nix tun“ gemeint ist sondern genau das, was oben beschrieben steht: ohne spürbares eigenes Handeln Dinge erledigen. Ein anderes wichtiges Wort, quasi die andere Seite des Erledigens, in diesem Zusammenhang ist der Begriff „Ziran“, was soviel bedeutet, wie „von selbst so“.
Die alten Chinesen haben viele verschiedene Wege probiert in den Modus zu kommen – viele dieser Wege sind nicht empfehlenswert, haben sie doch mit mit der Einnahme gesundheitsschädigender Substanzen zu tun -, doch einer scheint ziemlich erfolgsversprechend zu sein: die „innere Alchemie“. Hierbei geht es um ein ziemlich komplexes Modell bei dem mit Energie („Chi“) gearbeitet wird, aber im Grunde genommen handelt es sich um Meditation. Und die muss nicht so komplex sein! Es geht schließlich darum unseren „kreativen Kanal“ frei zu bekommen!

Meditationsübung

Es geht darum unsere Aufmerksamkeit zu lenken und zu fokussieren. Wobei wir ganz „bei der Sache“ sein müssen und keine Gedanken an Zukunft oder Vergangenheit gebrauchen können. Außerdem sollten wir, wie schon angedeutet, das Urteilen sein lassen! Eine Tätigkeit, die uns leicht fällt, ist das Atmen. Also schließe bitte die Augen (bitte erst zu Ende lesen 

;-)

) und lenke deine Aufmerksamkeit auf die Atmung. Es geht nicht darum deine Atmung zu beeinflussen, beachte sie nur. Sobald ein Gedanke „aufploppt“, bemerke ihn und lasse ihn ziehen; hierbei hilft es manchmal sich vorzustellen, die Gedanken sind Wolken oder der Abspann eines Filmes. Es sollte sich eine angenehme Entspannung einstellen. Mach diese Übung zunächst für ein paar Minuten. Wenn du die Augen wieder öffnest, bist du oft schon im Modus angekommen. Jetzt musst du nur noch üben ihn aufrecht zu erhalten und aus dem Modus heraus Musik zu machen. Vielleicht kannst du dir ja, quasi als Aufwärmübung, eine meditative einfache Übung am Instrument heraussuchen, die dir hilft in den Modus hineinzugleiten…

Coda

Dieser Text bezieht sich auf Improvisation, aber die Idee lässt sich auf viele Situationen übertragen! Immer wenn es darum geht Gelassenheit zu bewahren, kreativ zu arbeiten oder fokussiert zu bleiben – ohne Druck oder Stress – kann der „WuWei-Modus“ hilfreich sein. Da sind ein paar Minuten Ruhe am Tag ein guter Anfang, oder?
Bei Fragen oder Anregungen hinterlasse mit einfach einen Kommentar oder schicke mir eine Email!

Übungsgedanken – mit weniger mehr?

Üben gehört sicher zum Alltag jedes aufstrebenden Musikers dazu! Bei Workshops frage ich häufiger in die Runde, wer der Anwesenden denn übt. Das führt meistens zu teils eifrigem, teils fast entrüstetem Kopfnicken. „Natürlich übe ich!“, sagt jeder.
Auf Nachfragen stellt sich aber dabei heraus, dass nur wenige mit dem zufrieden sind, was sie machen. Und die Zufriedenen spielen oft auch nur ein schon gelerntes Stück oder ein Lick und das war’s auch schon wieder. Aber: ist das dann wirklich üben?

Was ist denn dieses „Üben“?

Ob das Spielen von bekanntem Material überhaupt üben ist, hängt wohl davon ab, was der Übende als Ziel definiert hat; keiner wird bestreiten, dass Wiederholung ein wichtiger Teil des besser werdens ist. Aber nur dann, wenn es an dem Übungsmaterial etwas zu vertiefen gibt! Häufig ist diese Art der Wiederholung mehr ein „Seelenstreicheln“ und dient allein dem eigenen Ego.

Das tut zwar gut, aber wirklich verbessern können wir uns dadurch nicht, oder nur sehr langsam. Üben – im Sinn von: unser Spiel auf das nächste Level bringen, im Gegensatz zum Vorbereiten, beispielsweise einer Probe oder eines Gigs – hat etwas mit der Beschäftigung mit neuem Material, oder der Vertiefung von bereits bekanntem Material zu tun.

Häufig kann man hören, dass Kollegen sich etwas Neues „draufgeschafft“ haben. Dieses Bild finde ich nicht sehr hilfreich, haben wir doch beim Spielen gar nicht die Zeit, zwischen all den draufgeschafften Dingen das richtige zu finden! Für mich ist das Bild eines Weges zugänglicher. Ich befinde mich auf meinem musikalischen Pfad, mit all seinen Abzweigungen und Unwegsamkeiten, und immer mal wieder liegt sozusagen Technik im Weg, die mich daran hindert weiterzukommen. Also mach ich mich an die Arbeit und schaffe sie aus besagtem Weg! Sprich: ich beschäftige mich mit den Dingen, die verhindern, dass die Musik möglichst natürlich und spontan aus mir rauskommt.

Egal ob dir mein Bild hilft oder nicht, Üben an sich sollte zweckfrei sein! Damit meine ich, dass ich nicht erwarten darf, dass das Lick, das Akkord-Voicing oder der Rhythmus in meinem Spiel auftaucht! Es ist vielmehr so, dass ich für Möglichkeiten sorge. Wir arbeiten beim üben an uns, und müssen dann beim Spielen darauf vertrauen, dass unsere Übungen sich auszahlen, und herauskommt, was ich geübt habe. Das klappt natürlich nicht direkt!

Wann bin ich mit der Übung fertig? Und was ist das Ziel?

Die Frage, wann man fertig mit einer Übung ist, stelle ich auch sehr gerne, und sehr oft ist die Antwort: „Bis es perfekt funktioniert!“, oder „Bis ich zufrieden bin!“. Das Problem ist, dass eigentlich nichts „perfekt“ ist. Selbst wenn etwas einmal perfekt wirkt, beim nächsten Mal spielen ist es wieder ganz normal. Also kann Perfektion kein Maßstab sein. Und das mit der Zufriedenheit ist so eine Sache… Ich für meinen Teil bin zumindest entweder nie oder viel zu schnell zufrieden – zum Beispiel, wenn es einmal funktioniert hat und ich direkt zum nächsten Thema übergehe.

Aus meiner Sicht ist es Zeit mit einer Übung aufzuhören, wenn sie mühelos funktioniert! Nur dann kann sie (häufig ist es eine Variante, vielleicht nur ein Teil von dem Geübten) in mein Spiel einfließen.

Ein anderer wichtiger Punkt ist das Ziel von Übung! Na klar wollen wir besser werden, aber das meine ich nicht.
Worauf ich hinaus will ist, dass alles was ich übe mich in der Praxis flexibler machen soll! Wenn ich zum Beispiel eine Phrase „eindrille“, also durch möglichst gleiche Wiederholungen das Lick auswendig lerne, habe ich ein relativ „starres Gebilde“, das beim geringsten Problem „zerbricht“. Und das ist natürlich unpraktisch, denn in der Praxis ist die Spielsituation natürlich anders als die Übungssituation! Es muss nur etwas unerwartetes passieren, sei es die Bandkollegen spielen etwas anders als in der Probe oder auch ein Zuhörer bekommt einen Anruf, schon kann es sein, dass ich einen kurzen Moment unachtsam werde. Wenn dann nicht Flexibilität Ziel meines Übens war, fliege ich aus der sprichwörtlichen Kurve und gerate in Stress!

Übungspraxis

In der Praxis gilt für mich das Motto: „Arbeite lieber in die Tiefe als in die Weite!“. Damit ist gemeint, dass das was ich übe, möglichst wenig ist! Die Überschrift bezieht sich also nicht darauf wenig zu üben, sondern wenig zu üben. Nicht alles auf einmal sondern nur ein kleiner Teil – und mit dem kleinen Teil „spiele“ ich herum so viel ich kann! Ich finde möglichst viele Variationen und ändere alle möglichen Parameter.
Man kann Dinge schnell spielen oder langsam. Man kann mit Metronom oder ohne üben. Rhythmisch frei oder eben nicht. Schrecke auch nicht vor absurden Möglichkeiten zurück: Wenn du dich mit einem Lick beschäftigst, spiele es auch mal rückwärts! Wenn du übst über einen bestimmten Akkord zu improvisieren, übe auch die „falschen“ Töne!

Coda

Üben ist eine Kunstform und nicht nur Mittel zum Zweck! Und es gibt wirklich viel dazu zu sagen und zu schreiben. Ich gebe gelegentlich Workshops zu dem Thema, die Termine findest du auf meiner Homepage. Und wenn du dich in meinen Newsletter einträgst, bekommst du eine Mail von mir, wenn es etwas Neues gibt.

Ich freue mich über Kommentare und auf meiner Homepage gibt es die Möglichkeit mit eine persönliche Nachricht zu schreiben oder Fragen zu stellen.

Go for Goals

Intro

Jeder Mensch formuliert mehr oder weniger regelmäßig Ziele, sei es ganz bewusst oder auch “versteckt”, beispielsweise als Vorsatz. Manchmal kommen Ziele auch als “Träumerei” daher.
Ob es nun das eine Auto ist, eine neue Karriere als Maler oder endlich Spanisch sprechen zu können – hinter all diesen Träumen verstecken sich Ziele – sie müssen nur als solche formuliert werden. Dass die utopischen Träumereien oft so schnell wieder verworfen werden, liegt häufig gar nicht am Zeit- oder Geldmangel, sondern eher an schlichter Überforderung. Wir haben keine Ahnung, wie wir unser Ziel angehen müssen und deshalb fangen wir lieber gar nicht an.
Dabei braucht es oft nur eine gute Strategie! Diese Strategie beinhaltet häufig ein Langzeitziel, das den Traum greifbar macht, einige Etappenziele, mit deren Hilfe man sich, Schritt für Schritt, dem Langzeitziel nähert und realistische Tagespläne, die dafür Sorgen, dass die Überforderung gar nicht erst eintritt. Anders herum formuliert, lassen sich durch gute Planung viele Ziele ereichen. Um es mit Napoleon Hill zu sagen: “Ziele sind Träume mit Deadline!”

Vom Traum zum Ziel

Um aus einem Traum ein echtes Ziel zu machen, muss man sich fragen, was es ist, das den Wunschtraum definiert; also wenn es beispielsweise darum geht, Jazzgitarrist zu werden, lautet die wichtige Frage: Was muss ich machen, um mich als Jazzgitarrist zu sehen und zu definieren?
Das Ergebnis dieser Überlegungen könnte sein, dass es zu einem bestimmten Zeitpunkt – beispielsweise in sechs Wochen, sechs Monate oder in einem Jahr – ein Mini-Konzert geben wird, zu dem Freude und Bekannte eingeladen werden. Vielleicht möchte ja einer der Eingeladenen kochen lernen, und sorgt für einen kulinarischen Beitrag. Gibt es eventuell einen Kollegen mit Barista-Ambitionen?
Auf jeden Fall wird es im nächsten Schritt Zeit, diese Definition näher zu beschreiben. Wie viel Stücke müssen auf dem Konzert gespielt werden? Fragt man einen Bassisten oder einen Gitarren-Kollegen, ob er (oder sie…) mitspielen mag, oder spielt man mit einem Play-Along, also einer Aufnahme, auf der die Gitarren-Stimme fehlt?
An dieser Stelle kommt die bereits erwähnte Strategie ins Spiel, um zu meinem Ziel – in sechs Wochen meinen Freunden etwas vorzuspielen – näher zu kommen.
Das bringt mich zu einem interessanten Prinzip, das sehr häufig greift, und das man sich beim lernen zu nutze machen kann: Der so genannte “Pareto-Effekt”. Vilfredo Pareto war ein italienischer Ingenieur und Soziologe, der, bei einer Untersuchung der Grundbesitzverteilung in Italien 1906, herausfand, dass 20% der Bevölkerung, 80% des Bodens besitzen.
Dieser Effekt ist als Prinzip sehr häufig anzutreffen; dabei geht es gar nicht so sehr um die exakten Zahlen. So kann man, angenommen, wir träumten davon Spanisch zu sprechen, mit ca. 20% des existierenden Vokabulars, ca. 80% der Konversationen führen. Nochmal: es könnten auch 30% der existierenden Wörter, 76% der Gespräche sein – die exakten Zahlen sind hierfür nicht wichtig! Wichtig ist herauszufinden, was die Puzzle-Teile sind, die immer wieder auftauchen und die gegebenenfalls einen Großteil dessen ausmachen, was wir lernen wollen. Im Beispiel mit der Jazzgitarre wäre eine II-V-I-Verbindung so ein Puzzle-Teil. Wenn die einmal – in den gängigsten Tonarten zuerst – gelernt sind, müssen wir sie im nächsten Stück nicht wieder neu lernen, sondern können uns auf die 20% des Stückes konzentrieren, die “neu” sind.
Um jetzt konkret eine Liste mit den Puzzle-Teilen erstellen zu können, was das denn nun für Dinge sind, die es zu üben gilt, muss recherchiert werden.
An dieser Stelle wird es Zeit für Experten!

Wer Antworten braucht, muss Fragen stellen

Es ist eigentlich ganz logisch: da ich ja (noch) kein Fachmann in meinem Traum-Gebiet bin, muss ich einen Fachmann fragen. Oder vielleicht auch zwei. Ich habe im folgenden einige Fragestellungen zusammengestellt, die weiterhelfen sollen.

– Wenn Du für die nächsten 6 Wochen nur zwei Dinge üben könntest, was wäre das?
– Wenn du in sechs Wochen einen Jazz-Einsteiger, der schon etwas Gitarre spielt, coachen müsstest, was wären die Themen, an denen du arbeiten würdest?
– Was sind die zwei Bücher, die du dem Einsteiger empfehlen würdest?
– Welche Stücke würdest du für das Projekt empfehlen?


Sinn und Zweck der Fragen sind um einen herauszubekommen, was für den Befragten das Wichtigste ist und ob er eine Art Reiseplan zum Ziel hat.
Jetzt muss ich nur noch die Adressaten für meine Fragen finden. Ein guter Startpunkt, ist hier Google (oder eine alternative Suchmaschine) und Suchbegriffe, wie: „Jazz“, „Gitarre” und „[Dein Wohnort]”. Es hilft auch sich über die Gitarrenszene zu informieren, vor allem im Bezug auf die Lehrer der “Helden”. Taucht hierbei ein Name häufiger auf, ist der ein guter Kandidat. Es kann auch nichts schaden eine (oder mehrere) tatsächliche Unterrichtsstunden zu nehmen!
Habe ich am Ende meiner Recherche eine Liste mit Begriffen, entstehen hieraus meine Etappenziele. Diese List muss nun häufig reduziert werden. Es sollten nur einige Begriffe übrig bleiben. Oft ist hier auch die Reihenfolge der Begriffe entscheidend. Gibt es ein Stichwort, das andere Dinge auf der Liste überflüssig oder zumindest wesentlich leichter macht? Damit sollte begonnen werden! Es ist sinnvoll mit den am häufigst genutzten Tonarten beim üben zu beginnen – das wären wahrscheinlich F, C, Bb und Eb. Dann folgt wohl G, was für die meisten Gitarristen eine gute Nachricht ist.
Es ist bedeutend wichtiger was geübt wird, als wie geübt wird! Aber ganz ohne “wie” geht es dann auch nicht.



Induktives und deduktives Lernen

Was nach furchtbar trockenem und schwerem Fachwissen klingt, beschreibt erstmal nur zwei Herangehensweisen, um komplexe Dinge zu lernen. Bei der induktiven Methode arbeitet man vom Kleinen ins Große, und bei der deduktiven vom Großen ins Kleine.
Für unser Beispiel bedeutet das, dass, wenn ich lernen möchte über eine II-V-I-Progression – also der wichtigsten Akkordfolge im Jazz – zu improvisieren, ich mich dem Ganzen nähern kann, indem ich viele Beispiele lerne, übe und mit der Zeit allgemeine Gesetzmäßigkeiten herleite
Wir bekommen so ein Gefühl für typische melodische Verläufe und beginnen mit der Zeit zu “hören” wie eine solche Linie klingen muss, bzw. kann. Unterbewusst lernen wir so, vor allem wenn wir uns mit den Melodien anderer Musiker beschäftigen, Dinge wie Phrasierung, Timing und Dramaturgie. Dies entspricht einem induktivem Ansatz. Der Vorteil hier ist der deutliche Praxisbezug, auch wenn es manchmal eventuell schwierig ist im einzelnen Fall zu entscheiden, da es ja noch kein konkretes “Regelwerk” gibt.
Wenn wir uns mit allgemeineren Dingen – wie einem Improvisationskonzept, Skalen und Arpeggios oder auch Themen wir “Chromatik” – beschäftigen, haben wir zu Beginn direkt unsere ”Gesetzmäßigkeiten” und können hieraus eigene Ideen herleiten. Das wäre ein deduktiver Ansatz. Der Vorteil bei diesem Ansatz ist, dass wir eindeutig zuordnen können, was zu tun ist, wobei hier schnell vergessen wird, das in der echten Praxis das Spiel nicht nach Lehrbuch funktioniert. Wir (er-)kennen alle den Unterschied zwischen dem Fremdsprachler, der ausschließlich in einer Schule gelernt hat und dem, der einige Zeit in dem entsprechenden Land gelebt hat.
Aus meiner Sicht ist das Zusammenspiel beider Ansätze am erfolgversprechendsten.

In kleinen Schritten zum Ziel

Jetzt, da ich weiß wie meine einzelnen Etappen aussehen, muss ich strategisch gesehen von vorne beginnen. Wie kann das definierte (Etappen-)Ziel in kleine überschaubare Teile zerteilt werden die dann über einen definierten Zeitraum gelernt und verinnerlicht werden sollen? Angenommen, auf meiner Set-liste – die Stücke für das Minikonzert, du erinnerst dich? – steht ein Blues in der Tonart F, dann könnten die einzelnen Zutaten aus der Bluestonleiter, Akkordgriffe für Dominant-Akkorde, das Improvisieren über, und das Begleiten von II-V-I-Verbindungen und Umgang mit Zwischendominanten auf der VI. Stufe bestehen.
Wenn die einzelnen Teile, mit denen ich mich beschäftigen will, feststehen, kommt wieder die Frage nach der richtigen Reihenfolge auf: Welcher Teil muss zuerst kommen? Für das Beispiel würde ich empfehlen, mit wenigen Akkord-Voicings einen Blues begleiten zu lernen. Das versetzt mich in die Lage, mir ein Play-Along aufzunehmen. Der nächste Schritt wäre dann, nur mit der Bluestonleiter ein kurzes Solo über die Form zu spielen. Hierfür kann zum Beispiel mit dem sogenannten “Qustion and Answer”-Konzept oder auch einer anderen formgebenden Idee, gearbeitet werden.
Wenn das gut funktioniert, kann ich mich um ein harmonische Detail kümmern, beispielsweise dem Ausspielen – also dem melodischen “Wiederspiegeln” der Harmonie – der so häufig erwähnten II-V-I-Progression in Takten 9 & 10. Dann dem vorbereitenden A7-Akkord in Takt 8. Und immer so weiter – bis mein definiertes Ziel erreicht ist. Das Definieren ist an dieser Stelle sehr wichtig, denn man kann, wenn kein Ziel gesetzt ist, ewig an jedem Thema arbeiten!

Üben

Über das Üben als solches habe ich bereits einige Blog-Artikel geschrieben – genau wie über die II-V-I-Verbindung, übrigens – deshalb möchte ich an dieser Stelle nur kurz darauf eingehen.
Der wohl wichtigste Aspekt beim Üben ist die Achtsamkeit. Damit ist kein New-Age-iges, pseudo-buddhistisches Konzept gemeint, sondern schlicht die Fähigkeit, seine Aufmerksamkeit eigenständig und urteilsfrei auf etwas zu lenken, das jetzt gerade stattfindet. Im Rahmen von Übungen einfach und ohne die richtige Geisteshaltung Wiederholungen “abzureißen”, bis die 10000 Stunden geschafft sind, ist nicht nur unnötig anstrengend, sondern oft einfach nicht zielführend!
Bei jeder Wiederholung sollte meine Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Teilaspekt dessen liegen, mit dem ich mich beschäftige. Vor den jeweiligen Wiederholungen, sollte – wenn möglich – eine Klangvorstellung vorhanden sein, und nach der Wiederholung genug Zeit für eine Reflexion. Es geht dabei nicht um ein Abstrafen oder Bejubeln meiner Leistung, sondern ein nüchternes Bewerten. Im übrigen ist das Ziel dieser Form der Übung nicht Perfektion, die ja nicht (dauerhaft) zu erreichen ist, sondern Mühelosigkeit. Wenn wir eine Sprache lernen wollen, geht es ja auch nicht in erster Linie darum Versprecher zu vermeiden, sondern darum, sich möglichst mühelos mit Anderen zu unterhalten.


Was du heute kannst besorgen…

Inzwischen hat sich ein ziemlich komplexes Projekt aus unserem Traum entwickelt. Wir haben das große Ganze heruntergebrochen in viele kleinere Etappenziele, die wir wiederum in möglichst kleine “Happen” zerteilt haben, alles mit einem konkreten Zeitplan versehen.
Aber wie sorge ich dafür, dass ich im Alltag auch spürbar meinem Ziel näher komme? Im Grunde genommen ist es ganz logisch: Genau wie die anderen Dinge, die ich regelmäßig angehen möchte, muss ich meinen “Etappen-Happen” Zeiträume zugestehen. Hier hilft eine täglich aktualisierte To-Do-Liste, am besten mit für jeden Punkt festgelegten Zeiten. Hierbei geht es nicht so sehr um das dringende Einhalten des Plans, sondern schlicht um Übersicht; wie schnell passiert es, dass man sich an einem Übungsprojekt verbeißt und Stunden an etwas arbeiten, ohne die anderen Dinge auf der Liste zu bedenken.
Außerdem gibt es auch für alles ein “zuviel”! Ich arbeite, um dem “zuviel” entgegenzuwirken, sehr gerne mit Timern, die mir ein Zeitraster liefern und dafür sorgen, dass ich absolut fokussiert an meinem jeweilige Projekt arbeiten kann. Wer sich einmal 15 Minuten mit den Umkehrungen eines Akkord-Voicings beschäftigt hat, weiß, dass das durchaus viel Zeit sein kann. Zwischen den Einheiten sollten kurze – 5 bis 10 Minuten – Pausen gemacht werden. Bei all dem müssen die Hinweise im Abschnitt “Üben” beachtet werden.
Interessant ist auch, dass es aus meiner Erfahrung für fast alles ein Minimum gibt. Gemeint ist die Übungs-Häufigkeit, um sich das Geübte auch langfristig merken zu können. Es ist nicht ausreichend ein Mal in der Woche für zehn Minuten etwas zu tun, aber etwas jeden zweiten Tag zu tun scheint effektiv zu sein. Die tatsächliche Zeit, die investiert werden muss, hängt vom Material ab. Hierfür habe ich persönlich ein Minimum von fünf Minuten, beispielsweise und ein Maximum von einer Stunde pro Listenpunkt.
Nicht zu vernachlässigen sind die Dinge die wirklich schnell gehen und die sprichwörtlichen Steine ins rollen bringen. Manchmal ist es nur eine E-Mail oder ein kurzer Anruf die jetzt getätigt werden sollten, und ein entscheidenden Schritt ist getan!

Coda

Es soll nicht leicht klingen, was ich hier beschreibe! Das ist es oft nicht! Aber es geht ja auch um nichts geringeres als deinen Traum. Je höher das Ziel gesetzt ist, desto mehr lohnt sich der Einsatz. Mal im ernst: Wenn wir uns vornehmen im Zeitraum von 2 Jahren, sagen wir 5 Kilogramm abzunehmen, der wird keine drastischen Änderungen an seiner Ernährung und Bewegungsalltag unternehmen. Wenn wir aber 10 Kilo in 6 Wochen ansetzten, ist das ganz etwas anderes! Und vielleicht schaffen wir keine 10 Kilo. Vielleicht sind es nur 5, aber auch das wäre in 6 Wochen doch ein beachtliches Ergebnis?
Anders ausgedrückt: Ist das Ziel bewusst hoch gesteckt sind auch Teilerfolge schon beachtlich.

Ein Wort zur Disziplin: Menschen sind im allgemeinen sehr schlecht in Sachen Disziplin. Außerdem glauben wir alle, dass wir zu den 2% gehören, die super-diszipliniert sind, aber in Wahrheit sind wir das nicht. Hier möchte ich einen letzten Punkt anführen, der sogenannten “operativen Konditionierung”. Hinter diesem Begriff steckt die einfache Tatsache, dass zur Motivation positive und negative Verstärkung genutzt werden kann, zu deutsch: Belohnung und Bestrafung. Der Punkt ist der, dass die Belohnung für uns oft nicht ausreicht und das negative Konsequenzen viel schneller zum Ziel führen! Es reicht, wenn an unsere Etappenziele eine dieser Konsequenzen gehängt wird, wobei das mit Verlust von Geld zu tun haben kann, mit ungeliebten Aufgaben oder auch dem automatischen Veröffentlichen peinlicher Bilder

;-)

Natürlich stellt dieser Text ein extrem da. So gradlinig und konsequent wie hier beschrieben, ist es in der Praxis natürlich (oft) nicht. Aber mit der richtigen Strategie sind unsere Träume keine Utopien mehr, sondern rücken in erreichbare Nähe. Und das ist doch einen Versuch wert, oder?

Ich freue mich über Kommentare oder auch eine E-Mail über die Homepage!

Bis bald,

Frank